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MARTENS

VERÄNDERUNG: ES LOHNT SICH NUR, WENN WIR EIN BLAUES AUGE RISKIEREN

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Bild: A. Martens

Von Gewinnern und Verlierern.

Mit großen Veränderungen wie der Digitalisierung ist es wie beim Boxen. Wer vorwärts kommen will, der muss sich vorbereiten und auch ein blaues Auge riskieren. Wer nur so tut, als würde er mitmachen – indem er nur die Methoden der Stars wie Google, Facebook und Co. imitiert – der wird nicht einmal die erste Runde überstehen. Und das, obwohl er sich gerüstet glaubt.

Warum ist das so?

Die Digitalisierung ist eine radikale Veränderung. Auch früher gab es solche Einschnitte: Die Erfindung des Buchdrucks, die Französische Revolution, die Ablösung der Aristokratie durch die Republik, die Industrialisierung. Nichts blieb, wie es war und niemand wusste genau, wie es im nächsten Schritt weitergehen würde.

Jeder Umschwung dieser Größe bringt eine Umverteilung mit sich. Umverteilung bedeutet, dass es Gewinner und Verlierer gibt. Jeder, der vorher in einer starken Position ist und viel besitzt, kann etwas verlieren. Die anderen haben noch nichts und können gewinnen, wenn sie sich etwas trauen.

Das bedeutet, dass derjenige, der zu Beginn in einer starken Position ist, unbedingt aktiv werden muss, wenn er nicht zu den Verlierern zählen will.

Und genau darin liegt das Problem. Er kann nicht.

Der Wert des Errungenen.

Die potenziellen Verlierer haben sich ihre starke Position hart erarbeitet. Nicht selten hat das einen Teil ihrer Identität geformt. Schon im Kleinen wird das sichtbar: Wer etwas beherrscht, will es nicht gegen etwas Neues tauschen.

Wie bei der Rechtschreibreform: Regeln sollten einfacher werden. Wer die alten Regeln beherrschte, wurde einer Stärke beraubt. Viele waren dagegen, manche verweigern die neue Schreibung bis heute.

Ebenso galt fahren mit Automatik zunächst nicht als „echtes“ Autofahren, Amazon nicht als echtes Buchgeschäft. Eltern erzählen ihren Kindern heute noch Geschichten davon, wie sie sich auch ohne Handy pünktlich verabreden konnten, und wie sie sich nach der Schule die Nachmittage mit ihren Freunden am Festnetz-Telefon oder auf dem Bolzplatz um die Ohren schlugen, anstatt Social Media zu nutzen.

Wir errichten Bollwerke um das Errungene – in Form von Regeln, Prinzipien, innerer Haltung. Am Neuen und in der Veränderung sehen wir zuerst nicht nur Vorteile – es funktioniert doch bisher auch! Wir können schreiben und Auto fahren. Wozu das denn jetzt anders machen?

Und unser Unternehmen wirft Gewinne ab.

Warum sollte ich auf meine heutigen Gewinne verzichten, wenn ich gar nicht weiß, ob wir mit neuen Ideen jemals welche machen werden?

Erfolgsgeschichten der Veränderung.

Gleichzeitig entsteht in den bisher Starken eine gewisse Unsicherheit. Denn sie sehen ja, dass es Erfolgreiche gibt, die die Veränderung für sich nutzen. Und so saugen sie die Geschichten der Stars auf, wie ein Schwamm: Die Strategie von Apple, die Organisation von Google, das Geschäftsmodell von Uber, der nächste Coup von Amazon – sie erheben deren Praktiken zur Best Practice.

So ist es nun einmal: wenn wir unsicher sind, dann orientieren wir uns an anderen. Also probieren wir aus, was die Erfolgreichen uns vormachen: Design Thinking, agile Organisation, offene Bürokonzepte, und was sich sonst noch als erfolgreiche Methode einkaufen lässt.

Und dabei übersehen wir eines: Die Vorbilder nehmen das Neue an, um in der Veränderung zu gewinnen. Sie haben keinen „alten“ Erfolg und Besitz zu verlieren.

Wer bisher erfolgreich war, ist aber ein möglicher Verlierer. Er sucht nur bedingt nach neuen Chancen, denn er will sich nicht so verändern, als ob er nichts zu verlieren hätte. Er will nur lernen, mit dem Neuen umzugehen, um das Alte nicht zu verlieren.

Und so tun sie alles, was der aktuellen Wertschöpfung nicht weh tut.

Methoden ausprobieren ist toll. Hauptsache, es tut nicht weh!

Wie gut können die Best Practice Beispiele sein, wenn die Vorbilder eine völlig andere Intention damit verfolgt haben?

Das Alte zu schützen wird nicht mit den Methoden funktionieren, die diejenigen entwickelt haben, die den nächsten Kampf gewinnen wollen. Anders ausgedrückt:

Ein Boxer der gewinnen will, nimmt ein blaues Auge als immanentes Risiko in Kauf. Er weiß, dass er aus der Deckung gehen muss, um den Gegner zu treffen. Wer sich mit dem Boxen nur aus Sicht der Defensive beschäftigt, für den ist ein blaues Auge eine Krise, die es unbedingt zu vermeiden gilt. Er kann nicht gewinnen. Dabei ist es egal, wie hart er in den Sandsack schlägt, wie agil er mit dem Sprungseil umgeht, und wie gut er alle Rocky-Filme rezitieren kann.

Womit will er denn seinen nächsten Treffer landen, wenn er seine Fähigkeiten nur dafür nutzt, um die Deckung zu halten?

Es hilft nur Entschlossenheit.

Was wir stattdessen brauchen, ist Entschlossenheit. Wollen wir das Alte erhalten, um jeden Preis? Dann müssen wir auch so handeln. Wir fahren besser damit, weil wir keine Ressourcen verschwenden. Wollen wir das Neue finden? Dann müssen wir das Alte aufs Spiel setzen und Verluste riskieren. Dazwischen gibt es nicht viel. Ohne Entschlossenheit ist der ganze Methodenzauber reine Zeit- und Ressourcenverschwendung.

Welchen Weg wollen Sie gehen?